Luxus-Karpfen

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Ich kann kaum noch meine Augen offen halten. Nun starre ich schon seit 4 Uhr morgens auf meinen Bobbin - Selbst gebaut aus einer Haarklemme mit 4 Bastelperlen aus den Baumarkt, das Ganze mit einen 80er Nagel an ein Stück 30er Mono in die Erde gesteckt. Als Köder benutze ich Teig (Paniermehl, Haferflocken mit etwas Honig), angeboten wird das Ganze an einen 2er Goldhaken - OHNE HAAR. Jede kleinste Bewegung wird angeschlagen!
Ob Ihr es glaubt oder nicht: Ich habe so Köderfische von einer Länge von 10cm gefangen und das auf Hakengröße 2 - Unglaublich. Stundenlanges, konzentriertes Beobachten des Bobbins gehörten zur Tagesordnung. Elektrische Bisszeiger gab es noch nicht oder man konnte sie nicht bekommen und die Haarmethode war noch nicht zu uns vorgedrungen... lang ist es her (1986).
Trotz aller Annehmlichkeiten die man heute mit sich ans Wasser schleppt und trotz der vielen schweren Fische die es mittlerweile gibt; wenn ich könnte würde ich die Zeit zurück drehen und ich behaupte, dass fast Alle die diese Zeit mitgemacht haben mir zustimmen werden. Aber die Zeit kann man nicht anhalten oder zurück drehen also müssen wir uns anpassen, Mensch wie Fisch.
Boiliebeschaffung damals und heute...
Damals reichte eine Handvoll Mais oder Kartoffeln mit ein wenig Grundfutter. Später dann die sogenannten 50 Boilies pro Anfüttern. Das mit den 50 Boilies war so:In einer 400g Tüte waren nicht mehr als 250 14mm Boiles. Eine Tüte reichte für 5 Tage und das bei einen Preis von 19,95 DM. Wenn ich darüber nachdenke, bin ich wohl nur arbeiten gegangen um mein Angeln zu finanzieren. Damals hat man für Boilies viel Geld bezahlen müssen.
Heute ist die Auswahl was Köder und speziell Boilies angeht sehr viel größer. Wenn ich noch an die ersten Messen in Vlotho zurück denke, dann waren es glaube ich drei oder vier Boilieanbieter. Der Trend war eigentlich, dass man seine Boilies selber rollte und deshalb gab es mehr Boiliezutaten als Boilies was ich heute sehr auf den Messen vermisse.
Boiliezuaten in der heutigen Zeit sind eher schwerer zu bekommen, der Anfänger muss sich meistens mit dem begnügen was sein Takleshop her gibt: Boilies die schon Wochen, Monate oder sogar Jahre überkonserviert im Regal liegen.
Ich Persönlich mag keine Konservierer in meinen Ködern - aber das ist ein anderes Thema. Nie zuvor gab es eine so grosse Auswahl an Fertig-Ködern wie heute. Durch die Medien und das Internet bekommt man sie von allen Anbietern und in rauen Mengen.
Mengen...wo wir gerade davon sprechen: Es gibt Angler, die nicht unter 500 Eiern anfangen Boilies zu fertigen. Die ganze Geschichte dann zwei Wochen schön um 20 Uhr ins Wasser werfen, sich dann drei Wochen auf einen Platz Campen, 20 Fische fangen und sich dann auf der Schulter klopfen wie gut sie doch sind! Das macht alle 18 Stunden einen Fisch bei ca. 25 Kg Futter - Wahnsinn!
Heute kann jeder seinen Traumfisch fangen
Ich glaube, dass wir uns einiges selbst kaputt machen. Das Angeln mit Festblei und Haarmethode macht es für jeden möglich seinen Traumfisch zu fangen und glaubt ja nicht, dass nur die sogenannten Profis gute und große Fische fangen. Auch die Anderen fangen ihren Teil.Es gibt noch genügend Angler, die Fische essen und kein Catch und Release betreiben. Aber durch immer mehr Futter und immer höhere Gewichte werden beide Seiten zunehmens verwöhnt. Wo soll das noch hinführen?!
Analysiert man einmal die Gewichte aus den Hitparaden der letzten 20 Jahre, fällt sehr schnell auf, welchen Einfluss wir Angler eigentlich auf die Fische und deren Verhalten nehmen. Vor 20 Jahren waren es die 20 Pfünder die plötzlich regelmäßig gefangen wurden, einige Jahre später waren es dann die 30 Pfünder, dann ganz Plötzlich sind es die 40er und heute sind es fast nur noch 50er und 60er, ja wir sprengen hier und da sogar die 70er Marke! Unglaublich.
Ich habe dieses Jahr sechs 30er in meinem Fangbuch (auch wenn ein doppelter dabei ist) - ich würde damit noch nicht mal mehr in die Top 100 kommen.
Ähnlich ist die Entwicklung beim Fangerät. Früher (vor 20 – 25 Jahren) konnte ich mein Gerät in einen Rutsch ans Wasser transportieren. Selbst einige 100 Meter machten einem nichts aus und das ohne Trolly.
Heute hat man fast alles in irgendwelchen Taschen verstaut. Die Liege, die Bleie, selbst die Vorfächer wollen es schön bequem haben. Dann alles auf einen Trolly geworfen und los geht es. Ich wundere mich immer wieder, dass man sich noch keinen Bandscheibenvorfall zugezogen hat.
Warum ich mir das antue? Ganz einfach!
Jedes Jahr nehme ich mir vor mein Gerät zu reduzieren, aber irgendwie klappt das nicht. Wenn im Winter dann der Weihnachtsmann kommt und anschließend noch eine Messe, bin ich ganz sicher wieder um ein paar Sachen und Kilos reicher und manchmal frage ich mich warum ich mir das antue. Warum kann ich nicht meine 3 Angelruten, meinen Klappstuhl und ein paar Würmer Sonntags nach den Mittagessen nehmen und einfach ein bisschen Angeln gehen? Warum?Ganz einfach: Ich bin Vollblutangler! Ich habe nachts in schlimmstem Gewitter mit gekrümmter Rute gedrillt, ich bin mit meinen ganzen Kram eingefroren, ich habe die schlimmsten Unwetter überstanden, selbst ein Tornado ist nicht weit an meinen Angelplatz vorbei gezogen - Wahnsinn, aber ich will keine Sekunde missen und ganz egal welchen Luxus unsere Wasserfreude für Ihren Landurlaub brauchen, sie werden ihn bekommen! (Und das ein oder andere Teil werde ich mir auch noch gönnen.)
Schöne Fische wünscht Uwe Muchall
www.north-specimen-fisher.de
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